See you later alligator…

A. B. d. Daddeldu, Coinjock, NC, ICW, 11. Mai ’10

So, Freunde der Berge, wir liegen wieder im Hafen und ich habe Netzanschluss. Ersteinmal musste ich ich natürlich meinen Posteingang prüfen. Der war überraschend voll und ich möchte mich hier bei allen bedanken, die mir so liebe Briefe geschrieben haben. Ich hoffe ihr habt Verständnis wenn ich nicht jedem einzeln antworte, aber ich würde auch gerne nach 3 Tagen auf dem Schiff mal wieder kurz an Land gehen.

Nachdem ich mir letzten Sonntag in Belhaven die Finger wund geschrieben habe, ging ich noch kurz alleine an Land und wollte mir vor dem Auslaufen noch schnell irgendwo einen Burger oder so besorgen. Ich vergaß dabei völlig das ja Muttertag war. Die Stadt wirkte wie eine Geisterstadt aus ’nem Western. Kein einziges Auto auf der Straße und Fußgänger gibt’s hier ja eh nicht. Bis auf ein Edelrestaurant waren alle Geschäfte geschlossen und so bin ich nach einem schönen Sonntagsspaziergang unverrichteter Dinge wieder an Bord gekommen. Beim Hafenmeister besorgte ich noch eine Tüte Eis für unseren kaputten Kühlschrank und dann haben wir klar zum auslaufen gemacht.

Gegen 1530 waren die Leinen los, entnehme ich gerade dem Logbuch, und nach zwei Stunden motoren und ca. 6 Seemeilen ließen wir den Anker auf dem Pungo-River fallen. Wir wollten uns ja heute die dringend notwendige Erholung gönnen. Der Pungo ist hier ca. 1 sm breit und wir ankerten ca. 300 vom Ufer entfernt vor einem lichten Nadelwald. Es war nur wenig Wind und das leichte Schaukeln störte uns nicht. Obwohl wir weit genug vom Fahrwasser entfernt lagen haben wir nach einer kleinen Pause unsere daily duty erledigt und die Mastverkabelung klar gemacht, so das wir ganz vorschriftsmäßig unser Ankerlicht über Nacht einschalten konnten. Da wir immer noch hundemüde waren und um Strom zu sparen, sind wir praktisch bei Sonnenuntergang in die Koje.

Wir wollten ein paar Meilen machen und so sind wir Montag morgen früh aufgestanden. Wir waren praktisch gleichzeitig wach (ohne Wecker). Kurz Zähne geputzt, Wasser ins gesicht, Kessel aufgesetzt und den Anker hochgeholt. Um zwanzig vor sieben waren wir wieder auf Kurs und der Kaffee im Becher. Die Sonne schien aber ein frischer Wind blies uns entgegen. Es war der bisher kälteste Tag in Amerika und wir trugen beide ’ne lange Hose und zwei Pullover. Ich sogar noch ne Mütze und Kapuze gegen die Ohrenschmerzen. Nach wenigen Meilen bogen wir in den Pungo-Alligator-Canal ein. Ein paar andere Segler mit schnelleren Schiffen, aber auch unter Maschine, überholten uns. Der Nadelwald an den Ufern dünnte immer mehr aus und die Landschaft wurde sumpfiger. Absolut unberührte Natur und selbst wenn man gewollt hätte, unmöglich irgendwo an Land zu kommen. Entweder Sumpf oder dichter Urwald. In Ufernähe trieben viele dead heads, Abgestorbene Baumstümpfe, die teilweise dicht unter der Wasseroberfläche auf unvorsichtige Schipper warten. Wir haben ja, Gott sei dank, einen Stahlrumpf, wollen so Teil aber trotzdem lieber nicht in der Schraube haben.

Wir fahren mit gemütlichen fünf Knoten in den jungen Tag, genießen die Aussicht und beobachten Adler, immer auf der Suche nach Alligatoren. Als ich gerade Frühstück mache sichtet Jens ein paar dicke Schildkröten. Leider bin ich zu spät am Fernglas um sie noch zu sehen. Trotz unserer relativ gemütlichen Geschwindigkeit kommen wir einem kleinen Schubverband immer näher und als wir hinter ihm sind nimmt der Steuermann sogar die fahrt weg, damit wir ihn überholen können ohne von seinem Schraubenwasser all zu sehr angesaugt zu werden. Sehr rücksichtsvoll diese Ammis. Der Kanal ist schnurgerade und sowohl die Segler als auch die Schute können wir noch Stundenlang sehen. Irgendwann hören die Bäume ganz auf und der Alligator-River, hier noch ein kleines Flüsschen durch den Sumpf, kreuzt mehrmals den Kanal. Wir halten immer noch Ausschau nach Krokodilen sehen aber leider keine. Gegen Mittag werden wir dann in regelmäßigen Abständen von Motorbooten überholt. Die schieben, je nach Größe, einen bis zu drei Meter hohen Wasserberg vor sich her, knallen mit unglaublicher Geschwindigkeit heran, stoppen hinter uns auf, überholen mit rücksichtsvollen 10 kn. und legen dann wieder den Hebel auf den Tisch. Wromm und weg sind sie. Könnte schlimmer sein aber mit Alligatoren ist vorbei wenn so ein Flitzer vor dir alle Tiere verjagt hat.

Am frühen Nachmittag endet der Kanal und wir stoßen wieder auf den Alligator-River, der inzwischen ein richtiger Fluß geworden ist und anfangs ein paar hundert Meter, später zwei Meilen breit ist. Wir motoren noch einige Meilen weiter und suchen uns dann eine Stelle wo das tiefe Wasser bis dicht unter die Küste reicht. Nach neuneinhalb Stunden und 41 sm fällt der Anker und als die Maschine endlich schweigt, ist die Stille fast ohrenbetäubend. Das Wasser ist spiegelglatt und wir haben beinahe Windstille. Nur ganz leise plätschert es an den Rumpf und man kann die Salonuhr im Cockpit ticken hören. Leider fliegt ab und an ein Jagdflugzeug der Navy vorbei. Glücklicherweise in großer Höhe, und man hört es nur als entferntes Grollen. Wir kommen der großen Navy Basis in Norfolk eben immer näher. Aber über so was soll man sich nicht ärgern. Wie ich in New Bern am Tor der Airbase gelesen habe: „Please excuse the noise. It’s the sound of freedom.“ Für mich klingen Wellen und Wind schon eher nach Freiheit als so eine milliardenschwere Tötungsmaschine aber das sehen die Ammis wohl anders. Beim Stichwort Tötungsmaschine fällt mir ein, ich habe völlig vergessen in Beaufort noch in den richtigen Waffenladen zu gehen. Die warben nämlich auf einer großen Reklametafel: „Special offer: AK 47 sale!“ Da wollte ich mir noch ’ne Kalaschnikow besorgen, damit ich Steffis pinker Wal-Mart-Pump-Gun was entgegen zu setzen habe, falls es mal ’ne Krise gibt. Mist, hab‘ ich vergessen. Egal, in Deutschland ist die Munition für ’ne AK 47 wohl eh schwierig zu besorgen, seit die scheiß Waffengegner-Lobby so ’ne Panik verbreitet. Ein Mann muss doch in der Lage sein seine Familie zu verteidigen oder auch über den Haufen zu schießen wenn er besoffen ist!

Nun gut. Schluss mit Müll! Ich hab jetzt was gegessen und weiter im Text:
An diesem Ankerplatz war das Ufer ebenfalls nicht erreichbar. Kompletter Urwald und eine undurchdringliche Barriere aus totem Holz und Gestrüpp so weit das Auge reicht. Wir überlegten kurz noch ob wir das Dingy klar machen sollten um auf Alligatorenjagd zu gehen. Da bis auf zweihundert Meter vom Ufer entfernt überall dead heads aus dem Wasser ragten verzichteten wir lieber darauf. Wäre wohl nicht so cool gewesen unser Schlauchboot auf so ’nem toten Baum auf zu spießen. Man kennt das ja aus dem Fernsehen, die Krokodile kommen immer dann wenn das Boot sinkt. What ever, nennt mich ruhig einen Schisser, ich hab mich jedenfalls nicht getraut im Alligator-River zu schwimmen. Wir haben den Nachmittag stattdessen anders verbracht. Nach einem Mittagschläfchen bereitete ich uns leckere Spagetti mit Gorgonzolasauce und Jens hat den Bootshaken zurecht geschnitzt. Nach dem Essen noch ein wenig lesen und dann ab ins Bett. Ich lese übrigens gerade „Die Bucht“ von James A. Michener. Ein historischer Roman der zwischen 15hundert und 19hundert rund um die Chesapeake Bay, unserem nächsten Revier, spielt und von der Besiedlung und Entwicklung Amerikas handelt. So ’ne Art Familiensaga und sehr zu empfehlen.

Am Di morgen verschliefen wir total. So ist das ohne Wecker. Wir kamen erst um sieben aus den Kojen und sind nachdem wir die Maschine nochmal geprüft hatten Anker auf gegangen. Nach wenigen Meilen kamen wir an die Drehbrücke über den Alligator-River. Wir hatten schon sorge ob sie wohl öffnen würde, denn weder unser Funkgerät noch das Horn sind einsatzbereit und so ist die Kommunikation mit dem Brückenwärter etwas schwierig. (Beim Korrekturlesen merkt der Skipper an, wir haben noch ’ne Mundtröte und ein Presslufthorn. Also doch Kollisionswarn- und Kommunikationssysteme vorhanden. Keine Sorge.) Kurz vor der Brücke überholte uns aber ein Motorboot in einem Affenzahn und der würde ja wohl kommunikationsfähig sein. Seine Geschwindigkeit hat ihm nichts genützt, denn es war Berufsverkehr auf der Brücke und er musste natürlich ’ne viertel Stunde auf uns warten, da der Brückenwärter nicht zweimal hintereinander öffnet.

Als wir die Brücke passiert hatten öffnete sich vor uns der Albemarle Sound. Zwölf Seemeilen breit. Unser erstes größeres Wasser das es zu queren gilt. Es ist immer noch bedeckt und frisch und ich ziehe mir sogar noch eine Jacke über meine zwei Pullis. Wir fahren raus auf den Sund und das Schiff fängt in der ca. einen Meter hohen See leicht zu rollen an. Als ich Freiwache habe setze ich mich mit meinem Buch unter die Sprayhood und lese. Nicht so schlau, denn ich bin doch so anfällig für Seekrankheit. Nach einer halben Stunde wird mir leicht blümerant. Aber als ich mich im Cockpit aufrichte und meinen Blick auf dem Horizont halte geht es wieder. Als dann meine Wache beginnt, der Skipper sich zum Mittagsschlaf unter Deck verzieht und ich alleine an der Pinne stehe, mit dem Fernglas nach dem nächsten Seezeichen Ausschau halte und den Wind genieße ist von Seekrankheit keine Spur mehr. Am Horizont das andere Ufer und links und rechts nichts als Wasser. So langsam kommt wieder das Gefühl auf, auf dem Meer zu sein und ich freue mich auf die Schläge die noch vor uns liegen.

Kurz vor Mittag erreichen wir die Ansteuerung des North-River und das Flussbett verjüngt sich wieder. Links und rechts ein paar Wäldchen und Marschwiesen. Fast wie auf der Eider nur der Fluss ist ca. zehnmal so breit. Als ich abgelöst werde gehe unter Deck um mich kurz auf zu wärmen. Ich schlafe aber sofort im sitzen ein. Jens lässt mich gnädig schlafen aber nach einer Stunde werde ich vom grellen Fiepen des Echolots geweckt. Der Tiefenalarm (eigentlich warnt er vor Flachwasser) meldet sich. Ich rapple mich hoch um dem Steuermann die aktuellen Wasserstandsmeldungen durch zu geben und bald haben wir wieder ausreichend tiefes Fahrwasser gefunden. Wir haben haben beide Hunger und Jens will lieber weiter steuern als zu kochen. Also Übernehme ich das und brate uns die Nudeln von gestern. Nachdem ich gegessen habe löse ich ihn ab und er hat Zeit sein Mittag zu sich zu nehmen und ein wenig zu entspannen. Der North-River mündet in einen Kanal und nach einigen Meilen erreichen wir Coinjock, die letzte Möglichkeit vor Norfolk nochmal unsere Batterien zu laden (noch immer Probleme mit der Lichtmaschine) und da wir heute schon ’ne gute Strecke hinter uns gebracht haben beschließen wir zu bleiben.

Coinjock besteht aus ein paar wenigen Häusern am Kanal. Links und rechts liegen sich zwei Stege gegenüber die sich Marina nennen. Wir wählen die, die billiger aussieht und machen fest. Es sieht hier aus wie die Schrebergartenkolonien an der Bille, vom Wasser aus gesehen. Aber wir haben Duschen, Strom und Internet. Das reicht. 35sm.

So es ist schon fast neun und morgen wollen wir früh hoch um die letzten 50 amerikanischen Meilen nach Norfolk zu schaffen. Und ihr wisst ja ich brauch noch Zeit für’s Hochladen, die Bilder, bla, bla, jammer, heul, gute Nacht.

Henning

PS
Es gab einen Unfall mit unserer Speicherkarte vom Fotoaparat. Wenn ihr also die Bilder von den Adlern und so weiter sehen wollt müsst ihr uns entweder ein Daten Rettungsprogramm schicken ode 20$ überweisen damit wir damit die Bilder freikaufen können.

Gute Nacht.
Henning und Jens um 22:30

3 Responses to “See you later alligator…”

  1. christian sagt:

    Moin moin, während ihr seelig schlummert, fängt Europa wieder an zu rotieren. Muddi wird tierisch begeistert sein über die öffentlichen, auch wenn ironischen, Sprüchen über die Amis und ihre Waffenverliebtheit. Aber es steht ja euer Name drunter. Komme ich also noch ohne Grundsatzdiskussion davon. Puh,…

    Also viel Spaß auf euren letzten 50 Meilen, ich werde heute Nachmittag die Rettungsringe besorgen und hoffe auch einen mit Lampe zu bekommen. Das muss doch klappen in der Stadt über die Mann sagt, dass es das „Tor zur Welt“ sei. Nur doof, wenn die Bremmer den Schlüßel dazu haben.

    Gruß Christian

  2. Mone sagt:

    Also da ist Chrischi der jungen Mutter doch tatsächlich zuvor gekommen. Aber ich fühle mich heute Morgen auch recht alt ;o)
    Ich würde ja die 20 $ überweisen, aber ihr habt keine Bankverbindung angegeben. Ist vielleicht auch besser wenn die hier nicht öffentlich im Netzt steht. Und bestimmt könnt ihr das Geld für wichtigere Dinge gebrauchen als zu unserem Vergnügen. Wir warten gerne auf eine ausführliche Dia-Show nach eurer Rückkehr!
    Liebe Grüße
    Mone

  3. Steffi sagt:

    Henning mach dir keine Sorgen, ich übernehme das mit der Sicherheit…

    Hört sich ja mittlerweile schon viel mehr nach Entspannung an, freut mich sehr für euch beiden fleißig gewesenen…

    Viele Grüße aus dem Schietwetter Hamburg

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