Bermuda-Azoren I: Atlantik Crash Kurs.

Bar da Marina, Horta, Azoren, Portugal, 26.06.’10

Inzwischen läuft hier wieder Fussball und es ist recht laut. Ich bin auch nicht so wirklich motiviert zu schreiben aber ich kann euch ja jetzt nicht hängen lassen. Ich fang‘ mal an, vielleicht kommt die Motivation ja bei der Arbeit.

Es war Sonntag der 06.06.’10, der erste Geburtstag meines Neffen, als wir in St. George, Bermuda ausgelaufen sind. Morgens noch letzte Arbeiten, Wasser bunkern, Besuch beim Zoll und so weiter. Um 16:15 dann Leinen los und ein paar hundert Meter zur Tankstelle. Für viel Geld nochmal den Dieseltank auffüllen und dann weg. Über Funk: „Bermuda Radio! Bermuda Radio! This is sailing vessel Daddeldu. We aquire clearence for Town-Cut-Channel outbound.“ „Sailing vessel Daddeldu! Daddeldu for Bermuda Radio! We expect no comercial vessels at the moment. You are clear to pass Town-Cut-Channel outbound. […] Have a safe trip and good by.“

Das war’s. Ein letzter Blick zurück über die türkise Bucht. Einfahrt in den engen Kanal und dann wurde das Wasser wieder tiefblau. Eine leichte Welle steht auf der See, wir setzen Segel und lassen die Insel hinter uns. Kurs 50 Grad. Fast 2000 Meilen liegen vor uns. Das letzte kalte Bier wird geöffnet und langsam versinkt Bermuda im Meer. Ein schönes aber auch seltsames Gefühl. Wir machen fünf Knoten, sind zufrieden und die Gedanken gehen in Richtung Heimat und das große Wasser das vor uns liegt. Was uns wohl erwartet? Man weiß es nicht, aber wir sind zuversichtlich. Wir passieren die Ansteuerungstonne Bermuda und jetzt sind wir wirklich wieder alleine auf dem Ozean…

Vorwärts!

Zum Abendbrot gibt es Spagetti alio al oilio, schmeckt gut aber wir waren zu lange an Land. Christian und ich sind wieder leicht Seekrank. Aber ohne kotzen. Als der Abwasch gemacht ist sitzen wir zusammen im Cockpit und sprechen über die neuen Wacheinteilungen. Ralf musste uns ja leider vorzeitig verlassen und jetzt sind wir nur noch zu dritt. Wir wollen also Einzelwachen gehen. Von 21-06 Uhr. Jeder drei Stunden. Ist vielleicht auch nicht schlecht wenn man ein bisschen Zeit alleine sein kann.

Wie gesagt, das Wasser ist relativ ruhig und wir machen gute Fahrt. Aber um 20:05 passiert es dann.
Wir hören ein dumpfes Blasen direkt vor dem Bug. Definitiv kein Delphin. Bevor irgendjemand reagieren kann gibt es plötzlich einen heftigen Stoß und lautes Poltern am Rumpf. Das Schiff wird schlagartig von über fünf Knoten Fahrt auf unter einen Knoten abgebremst. Das Wasser unter uns beginnt zu brodeln und färbt sich braun vom Blut. Wir sehen noch eine flache Rückenflosse abtauchen. Das Schiff nimmt wieder Fahrt auf und wir stürzen an die Reling. Zwei Bootlängen hinter uns taucht er nochmal kurz auf. Eine Möwe stürzt sich gierig auf das verletzte Tier. Wir haben tatsächlich einen schlafenden Wal gerammt! Ich dachte immer so etwas gibt es nur in Büchern, aber es ist tatsächlich passiert. Kein Seemannsgarn!

Wir vermuten das es ein Pilotwal gewesen ist. Aber sicher sind wir nicht. Jedenfalls kann er so klein nicht gewesen sein, wenn er unser 13 Tonnen Schiff aus voller Fahrt fast zum Stillstand bringt. Da zahlt es sich für uns aus ein Stahlschiff zu haben. Für den Wal wohl nicht. Der hat mit Sicherheit einige gebrochene Knochen und so wie der geblutet hat wird ihm die scharfe Kielspitze wohl die Seite aufgerissen haben. Ich glaub nicht das er das überlebt. Da werden sich wohl die Haie drum kümmern.

Ein anderer Pilotwal.

Wir segeln mit einem ganz schön beschissenen Gefühl im Bauch weiter. Gott sei dank scheint nichts kaputt gegangen zu sein. Auch die Windfahnensteuerung hat es wohl unbeschädigt überstanden. Aber ob das ein schlechtes Omen gewesen sein soll? Die Crew von Columbus hätte das wohl so gedeutet. Wir wissen es noch nicht.

Ich habe immer noch einen Kater und das fragwürdige Glück die erste Wache zu haben. Aber wenigstens hat der Adrenalinstoß durch den Crash meine Übelkeit vertrieben. Ich bin hundemüde aber ungefähr in der Mitte meiner Wache höre ich einen weiteren Wal in der Dunkelheit blasen. Das Geräusch ist unverkennbar und nicht mit Delphinen oder Wellen zu verwechseln. Das macht mich schlagartig wieder wach.
Als ich endlich in die Koje darf und der Skipper die Verantwortung trägt werde ich vom poltern des schlecht gestauten Proviants wach gehalten. Ja, wir müssen uns noch ein wenig einrichten bevor wieder ruhige Bordroutine einkehren kann. Mitten in der Nacht löst sich wieder der Spiebaum, der mir damals den Lüfter weg geschlagen hat. Jens schlägt ihn ab und sichert ihn an Deck. Jetzt sollte er fürs erste Ruhe geben.

Der Montag verläuft ruhig. Wir machen zwischen vier und sechs Knoten Fahrt und sind alle noch müde. Der ungewohnte Seegang ist noch anstrengend und wir schlafen alle drei recht viel. Die beiden kleinen sind noch ein wenig seekrank und essen nur mit Mühe. Wir sind mit unserem Etmal von 134 Meilen netto Annäherung an die Azoren sehr zufrieden. Am Nachmittag streichen wir die Bermuda Gastlandsflagge. Jetzt sind wir wirklich wieder im Blauwasser. Nachts habe ich wieder eine unheimliche Begegnung. Das Meeresleuchten ist sehr intensiv. Die Bugwelle sieht aus wie eine grüne Wunderkerze und das Kielwasser wie die Milchstraße. Dann fahren wir plötzlich durch eine Wolke von Elektrikern die wie ein einziger Organismus blinkt. Sie ist ca. zwei mal drei Schiffslängen groß und es kommt mir so vor als wäre ich auf den Schwarm gestoßen, den Frank Schätzing in seinem Buch beschrieben hat.

Am Dienstag gibt es Steaks. Christian und mir geht es langsam besser aber durch das Fleisch wird uns wieder leicht übel. Trotzdem schaffen wir es die Mahlzeit bei uns zu behalten. Es gibt einen ersten Regenschauer aber wir sind froh über unser gutes Etmal von 150 sm.

Am Mittwoch wird das Wetter schlechter. Es gibt heftige Regengüsse und im dicksten Schauer müssen wir natürlich reffen. Machen mit gerefftem Groß immer noch über sechs Knoten. Mittags flaut der Wind wieder ab und wir reffen aus. Christian liest angeblich 500 Seiten in seinem Buch und macht die Angel klar. Leider erfolglos. Jens bereitet uns sehr leckere Bratkartoffeln und ich habe jetzt seit über 16 Stunden seltsame Kopfschmerzen. Nicht so schön. Ich schlafe viel aber das hilft auch nicht. Drei Aspirin schaffen schließlich Abhilfe aber das kann es irgendwie nicht sein.

Es gibt kein schlechtes Wetter...

Donnerstag bleibt der Wind weg. Wir angeln aber fangen immer noch nichts. Die segeln schlagen und wir machen mit mühe und Not ein bis zwei Knoten. Das nervt und leichter Frust kommt auf zumal die Dühnung noch recht hoch ist und nicht mal dem Blister setzen können. Der würde nur tierisch schlagen und das bringt dann auch nichts.

Aber schon am Freitag sind die Bedingungen komplett verändert. Der Wind legt immer weiter zu und es gibt wieder starke Schauer. Wir werden immer schneller und müssen am frühen Abend wieder im Strömenden Regen reffen. Wir haben an die acht Beaufort und die See baut sich auf. Wer vom Vorschiff kommt ist wieder durchgeweicht. Aber das kennt ihr ja schon. Wir erreichen Spitzengeschwindigkeiten von über neun Knoten! Und das mit gerefftem Groß. Das ganze Schiff vibriert aber wir freuen uns über die Rauschefahrt. Am Abend wagt sich Jens an den Herd und bereitet uns ein Gulaschsuppe, was wirklich eine Leistung ist bei der Lage und dem Stampfen. Gierig verschlingen wir das Dosenessen. Wer weiß wann es das nächste mal was zu Essen gibt?

Ein bisschen Wind...

...schadet nicht.

Wir kommen gut voran und Samstag Mittag fällt die Logge wieder auf „lahme“ fünf Knoten. Wir reffen wieder aus und stellen fest: Wir sind so weit nach Osten gekommen, dass es Zeit wird die Borduhr wieder eine Stunde vor zu stellen.

Logbucheintragungen.

So, mir reicht’s jetzt für heute. Ich werd‘ noch ein paar Fotos hochladen aber das sollte kein Problem sein. Wir sind wieder in Europa und hier ist das Netz zwar immer noch langsam aber es funktioniert!

Liebe Grüße, Henning

2 Responses to “Bermuda-Azoren I: Atlantik Crash Kurs.”

  1. Mone sagt:

    Juhu, endlich ein Bericht für mich. Ich habe schon Sorgen gehabt das ihr vor lauter Fußball gucken gar nicht mehr schreibt. Habe mich heute Morgne sehr darüber gefreut!
    Der arme Wal, ich könnte heulen! Bin aber trotzdem sehr froh das euch nichts passiert ist!!!!

    Liebe Grüße von uns dreien

  2. Anke sagt:

    Ja Simone ich habe auch um den Wal geweint….

    Ich bin so glücklich und froh, dass ihr es geschafft habt. Und gratulation ich finde recht sportlich unterwegs

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