Miles and more (Part one) oder: Die große Überfahrt (Teil eins)

Ein echter Akt, aber hier ist er endlich:

A. B. d. Daddeldu, Captain Smokes Marina, St. Georges, Bermuda, 2.6.’10

Land in Sicht!

Guten morgen Liebe Leser,
wir haben die erste Nacht im Hafen seit fast zwei Wochen sehr genossen. Zum ersten mal wieder länger als vier Std. am Stück geschlafen und sind jetzt fast wieder ausgeruht. Nachdem Christian gestern als erster von Bord geschickt wurde um einen herrlichen Sack Eis zu besorgen, gab es erst mal einen Anleger. Ihr verwöhnten Stadtmenschen könnt euch nicht vorstellen wie gut so ein kaltes Getränk tun kann. Echt der Hammer!

Der Eismann.

Anschließend sind ich und Ralf duschen gegangen und haben uns eilig auf den Weg zum Postamt gemacht um meine heiß ersehnte Post in Empfang zu nehmen, die dummerweise nur bis zum 31. postlagernd auf mich warten sollte. Leider hat die relativ hilfsbereite Postbeamtin mir recht glaubhaft versichert, dass nichts für mich gekommen, geschweige denn weggeworfen worden sei. 🙁 Ich soll mich Montag nochmal melden. Da sind wir aber leider nicht mehr hier. Tja das sind die persönlichen Schicksalsschläge die man so erleidet… Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf. Vielleicht kommt sie ja noch mit dem nächsten Postschiff?

Deutsche Touristen!

Jedenfalls haben wir beide bei unserem Postausflug gleich mal einen Blick auf das wunderschöne Städtchen St. Georges werfen können. Kleine alte Häuser und enge Gassen, liebevoll in Stand gehalten und in Pastelltönen gestrichen. Palmen und Oleander, Subtropische Pflanzenwelt und trotz des kleinen Kreuzfahrtterminals und einer gewissen, touristisch orientierten, Struktur sehr angenehm. Die Einheimischen sind sehr nett und höflich ohne dabei aufdringlich zu sein. St. Georges liegt an einer rundum geschützten türkies blauen Bucht in der Segelschiffe ankern. Die Insel ist insgesamt sehr grün und hügelig. Steile Felsen wechseln sich mit leicht rosanen Stränden ab und zumindest die Ecke in der wir sind ist nicht zu eng bebaut. Der erste Eindruck ist wunderbar! Wir sind bis zum Rathausplatz geschlendert haben uns die Restaurants angesehen und sind dann zurück an Bord.

Einlaufen in den Town-Cut-Channel.

Dort hatten Jens und Christian inzwischen das Schiff etwas aufgeklart, die Selbststeueranlage demontiert und vor allem das Deck von der dick auskristalisierten Salzkruste befreit. Jetzt können wir endlich unsere Matratzen an Deck trocknen, die seit ’ner guten Woche, schön durch genässt, vor sich hin modern. Als die beiden auch geduscht waren und wir eine erste Nachricht über die gewohnt wackelige Internetverbindung abgesetzt hatten, ging es gemeinsam auf Landgang.

Auf dem Weg zum auserkorenen Restaurant wurden wir von einer Frau in der typischen Tracht des 18. Jahrhunderts angesprochen und eingeladen ihrer Darstellung von Frauenbestrafungen der alten Tage beizuwohnen. Auf dem Marktplatz waren ein paar Stände mit kubanischen Zigarren und T-Shirts etc. aufgestellt. Ein DJ beschallte den Platz mit Steelband Rhythmen. Viele Einheimische und ein paar Touristen standen in losen Gruppen beisammen oder saßen auf Bänken um den Platz vor dem historischen Rathaus und genossen den lauen Abend. Chris und ich organisierten vom nahen Supermarkt ’ne Runde Kaltgetränke, die wir stilecht in braune Papiertüten gehüllt verzehrten.

Brown bags.

Dann ging die Show los. Die Frau war angeklagt ein Lästermaul zu sein und ihrem Mann widersprochen zu haben. Ganz klar, das muss bestraft werden! Also ab auf den Tauchstuhl mit ihr. Eine lange Wippe mit einem Stuhl am einen Ende, auf dem die Frau unter lautem Wehgeschrei postiert wurde, sollte ins Hafenbecken getaucht werden. Leider zerrte der Richter mich und Christian aus der Zuschauermenge und so mussten wir an dem sadistischen Spektakel aktiv teilnehmen und zusammen mit ein paar Schotten den Tauchstuhl bedienen. Die Frau wurde ein paar mal im Wasser versenkt bis sie einsah, sich in Zukunft besser zu benehmen. Das Publikum hatte wohl ähnlichen Spaß an der Sache wie die Leute früher. Nur das die Frauen damals wohl ernsthaft gefesselt waren und nicht nur kurz eingetaucht wurden sondern beinahe ertränkt. Was für eine Gaudi!

Helfershelfer...

...und Opfer.

Nach dem Auftritt als Henkersgehilfen hatten wir uns nun aber doch was zu Essen verdient. Also ab ins White Horse. Ein Restaurant in dem man schön draußen an der Waterfront sitzen konnte. Guter Blick auf den Hafen (wir brauchen halt das Wasser) und den Marktplatz. Es gab Fish and Chips und ein Bierchen. Nach dem Essen noch ein wenig in den Raucherbereich, wo Rolf auch in Ruhe seine Cohiba genießen konnte. Eine kleine Nachbesprechung des letzten Schlages und Planung für die nächsten Tage. Dann hundemüde zurück an Bord und erst mal ausschlafen…

Ja, das war gestern, aber bis dahin war es ein weiter Weg übers Wasser. Ich versuche mal, unter Zuhilfenahme der Logbucheintragungen, das Erlebte zu beschreiben:

Am Freitag den 21. Mai 2010 sind wir früh aufgestanden. Klar Schiff machen zum Auslaufen, die letzte Dusche für diese Woche (?) und dann Leinen los. Pünktlich um halb acht lagen wir am Tankstellen Steg zum Diesel und Wasser Bunkern. Noch schnell die letzten Briefe beim Hafenmeister abgegeben und einen Sack Eis besorgt damit wir zumindest noch zwei Tage ungeschmolzene Butter etc. haben. Die Hafenmeisterin schoss noch ein Gruppenfoto von der unerschrockenen Crew und dann hieß es endgültig: Farewell, land of the free!

To boldly go...

Unter Maschine raus aus der Marina und vorbei an der Skyline der Innenstadt durch den Stadthafen. Deck aufklaren, Fender und Festmacher weg stauen. Den Kram brauchen wir jetzt vorläufig nicht mehr. Die Stadt bleibt achteraus im Kielwasser und wir passieren die Werften und Containerterminals, biegen um die Ecke und vor uns tauchen die Marineanlagen auf. Ein riesiges Kriegsschiff neben dem anderen, soweit das Fernglas reicht. Ganz schön bedrückend. Das Funkgerät plärrt unentwegt Security-Meldungen von auslaufenden Kriegsschiffen, die um Sicherheitsabstand bitten. Irgendwann lassen wir es einfach, uns noch darum zu kümmern. Wir fahren außerhalb des Fahrwassers, dicht neben dem Tonnenstrich und von so großen Pötten halten wir uns ohnehin frei. Dann taucht die Carrierpier vor uns auf. Hier liegen zwei große und ein kleiner Flugzeugträger. Es herrscht reger Helikopter verkehr, die Dinger fliegen immer im Kreis um ihre Mutterschiffe und passen auf das keine Terroristen zu nahe kommen.

Die Sonne scheint, es ist warm und ein ganz leichter Wind hauch weht von Osten her. Die Bucht weitet sich aber hier ist immer noch zu viel Verkehr um bei dem unsteten Wind zu segeln. Wir passieren den Chessapeake-Bay-Bridge-Tunnel und als wir gerade durch diese Engstelle hindurch sind, kommt ein Flugzeugträger von hinten auf und überholt uns. Ich habe den Namen leider vergessen aber ich glaube es war die USS Warcrime, oder so ähnlich. Ein kleines Boot der Küstenwache mit Maschinengewehr auf dem Vorschiff schiebt sich zwischen uns und den Träger. Safety-reasons. Die passen auf das wir mit unserem sprengstoffbepackten High-Speed-Boot nicht zu nahe kommen und vereiteln so unseren Anschlag. Wir dampfen weiter ostwärts. Irgendwann entpuppt sich die große Tonne voraus, als der Turm eines einlaufenden Atom-U-Bootes und das gleiche Spiel mit einem bewaffneten Begleitboot beginnt von vorn.

Don't touch!

Wir fahren ein paar Kreise um unseren Kompass richtig einzustellen. Den brauchen wir Zukunft. Als wir die Ansteuerungstonne der Chessapeake-Bay erreichen setzen wir zum ersten mal nach vier bzw. drei Jahren die Segel. Dann wird die Maschine endlich abgestellt und herrliche Ruhe kehrt ein. Alles ist perfekt, nur der Wind weht genau aus Richtung Bermuda. Wir laufen 2,5 bis 3,5 Knoten und müssen kreuzen. Aber noch sind wir unverzagt. Bei so geringem Wind kann die Daddeldu kaum Höhe laufen und Abdrift und Strom setzen uns uns wieder nach Westen. Wir segeln praktisch auf der Stelle von Norden nach Süden und wieder zurück vor der Chessapeake Mündung.

Es wird Abend. Ralf und der Skipper bilden die Backbordwache und Christian und ich die Steuerbordwache. Die Schichten sind von 2000 bis 0000, von 0000 bis 0400 und von 0400 bis 0800 Uhr. Tagsüber nach Bedarf, so das jeder sich mal ein paar Std. hinhauen kann und immer eine Nacht mit Doppelschicht auf eine Nacht mit nur einer Wache folgt. Wir überstehen die erste Nacht auf See sehr gut. Es gibt ein reichhaltiges Frühstück, zum Mittag ein Stück Obst und gegen 1900 ’ne warme Mahlzeit. Diesen Speiseplan behalten wir auch in den nächsten Tagen bei. Christian und ich haben leichte Anzeichen von Seekrankheit und mögen nicht so gerne unter Deck. Ralf und Jens haben keine Probleme und so kümmern sie sich in den ersten Tagen meistens um die Backschaft. Gegen Mitternacht bleibt der Wind ganz aus und wir dümpeln ein paar Stunden ‚rum. Aber auch das gehört zum Segeln und wir sitzen die Flaute aus ohne zu motoren. Für die Strecke zu den Bermudas reichen unsere 400 Liter Diesel eh nicht aus. Am Horizont sieht man Wetterleuchten. Genau in der Richtung wo wir hin wollen. Wir sind nicht ganz sicher ob wir uns das Gewitter wirklich her wünschen sollen. Wahrscheinlich ist da Wind drinnen, aber vielleicht auch zu viel.

Tagsüber sehen wir ein paar Vögel und Delphine, die vorbei schwimmen, es ist interessant aber nicht spektakulär. Spektakulär ist der Blick aus meinem improvisierten (Internet)-Cafe. Ich sitze in der Marina, die eigentlich nur eine Kaimauer ist, und Platz für ca. 7 Schiffe hat, die römisch-katholisch, mit dem Heck zum Kai an Mooringankern liegen. Momentan liegen hier nur wir und noch ein französisches Pärchen. Es gibt ein kleines Duschhäuschen und einen Grillplatz mit Sonnenzelt unter dem Ich gerade sitze und schreibe. Ich blicke auf unser Schiff und die blaue Bucht, ca. 100 m neben mir wird gerade ein Frachter beladen und es weht ein erfrischender Wind. Aber weiter:

Hemmingway.

Wir segeln auf und ab und nach 48 Std. sind wir mal gerade 27 Meilen von der Küste frei gekommen. Wir können noch nicht mal nach Süden ablaufen, da wir uns noch nicht von Cape Hatteras frei gekreuzt haben und somit Gefahr laufen würden auf dem „graveyard of the outer banks“ zu enden wenn wir zu weit nach Süden kommen. Dort gibt es Sandbänke die weit in den Atlantik raus reichen und auf die haben wir keine Lust. Nach zwei Tagen fällt der Satz: „Der Wind muss jetzt endlich drehen. Egal wo hin. Ich will nur noch weg von diesem […] Amerika!“

Am Pfingstsonntag gibt es natürlich besonders leckeres Essen. Steaks mit Reis und Paprika Gemüse. Aber wir haben immer noch Flaute. Nachts kommt leichter Nebel auf, man sieht wieder Wetterleuchten am Horizont aber sonst passiert nicht viel. Wir machen ein bis zwei Knoten Fahrt durchs Wasser und haben ein Etmal (gesegelte Strecke in 24 Std.) von 35 Meilen, sind aber nur zehn Meilen nach Osten gekommen. Immer noch 570 Seemeilen nach Bermuda. Langsam kommt leichter Frust auf. Auch das ist Segeln.

Einer der eher unspäktakulären Sonnenuntergänge. Die wirklich schönen wurden nur genossen.

In unserer Hundewache (von 0000 bis 0400) Sonntagnacht kriegen Christian und ich einiges zu sehen. Das Schiff läuft mit 2 Knoten unter der Windfahnensteuerung und es ist ein phantastischer Sternenhimmel mit vielen Sternschnuppen. Gegen eins hören wir komische Geräusche im Wasser und sehen helle Schatten durchs Meer gleiten. Der Mond geht auf und wir beobachten ein kleine Schule Delphine, die in unserem Kielwasser folgt. Es sind mindestens zehn Tiere und eine Mutti mit ihrem Jungen ist auch dabei. Sie tauchen immer wieder unter dem Schiff durch und folgen uns über eine Std. Sie scheinen sogar auf unsere Anwesenheit zu reagieren, denn immer wenn wir an einer Stelle des Schiffes zusammen stehen und ins Wasser blicken, dauert es nicht lange bis die Delphine sich auch genau an der Stelle sammeln, wo wir über die Reling blicken. Irgendwann sind sie dann aber weg. Ist wohl doch zu langweilig geworden.

Der Himmel zieht zu und es wird dunkler. Dafür können wir jetzt die Elektriker besser sehen. Das ist phosphorisierendes Plankton und kleine Quallen die anfangen zu leuchten wenn sie durch das vorbei fahrende Schiff gestört werden. Andere Leute behaupten es seien die Seelen der von Günther freigestellten Siemens Mitarbeiter. Das Kielwasser und die Bugwelle leuchten gespenstisch grün in der Schwärze der Nacht. Meeresleuchten. Gegen halb drei ziehen sich zwei Fronten in denen es reichlich blitzt am Horizont zusammen. Unser Kurs führt genau in der Mitte hindurch. Ausweichen ist eh nicht, also bereiten wir uns auf’s Reffen vor, ziehen Parka und Schwimmwesten an und legen die Lifebelts bereit falls wir auf die Mütze kriegen und auf’s Vorschiff müssen. Es blitzt und donnert zwar aber es kommen nur ein paar wenige Regentropfen vom Himmel und der Wind legt nur sehr wenig zu. Als wir um vier die Wache übergeben sind wir schon durch die Front hindurch und der Skipper macht sich lustig über uns weil wir unser „Badezeug“ tragen. Aber auch das ist Segeln.

Ralf und Jens lassen uns gnädig bis um zehn schlafen und als wir an Deck kommen scheint die Sonne. Es hat aufgefrischt wir haben über zwei Meter Welle und laufen sechs Knoten. Geil! Solche Segeltage hat man in Deutschland nur ein bis zweimal im Jahr. Ich brauche etwas Abstand und trinke meinen Kaffee auf dem Vorschiff. Dann sichten wir eine größere Schule Delphine Steuerbord quer ab. Ich setzte mich in den Bugkorb und lasse meine Beine über Wasser baumeln. Aber die Delphine sind wieder weg. Wir haben die Ausläufer des Golfstroms erreicht und das Wasser ist unbeschreiblich. Ein intensives Saphirblau. Die Sonne strahlt und es ist ein herrlicher Vormittag. Plötzlich sehe ich unter mir ein paar helle Schatten durch Wasser schießen. Ich denke schon ich halluziniere, doch dann tauchen sie auf. Die Delphine sind wieder da! Es sind mindestens zwanzig Stück. Im zick-zack Kurs kreuzen sie unsere Kurslinie und einige springen richtig hoch aus dem Wasser. Ein atemberaubendes Schauspiel und das bei fast schon kitschigen Licht- und Farbverhältnissen. Nach ein paar Minuten sind sie eben so schnell wieder weg wie sie aufgetaucht sind.

Wir kommen gut voran wenn auch nur in halbwegs passende Richtung. Es tauchen vermehrt Portugisiesche Galeeren auf. Das sind Feuerquallen, deren Körper aus dem Wasser ragt und ein kleines Segel hat mit dem sie vorwärts kommen. Unter dem Körper hängen ihre fast unsichtbaren Nesselfäden, die angeblich bis zu zwanzig Meter lang werden können und ein starkes Gift enthalten. Eine Berührung damit soll sich wie ein Bienenstich anfühlen und da man sich beim Schwimmen meistens total darin verheddert kann man wohl an dem Schock sterben. Jedenfalls vergeht uns bei ihrem Anblick die Badelust. Außerdem machen wir ja gute Fahrt und werden jetzt nicht anhalten nur weil wir langsam anfangen zu müffeln.

Der Wind legt weiter zu, die See baut sich auf und wird steiler, da wir nordöstliche Winde haben und der Golfstrom gegen den Wind steht. Christian und ich schlafen am Nachmittag noch ein wenig. Der Skipper vermutet zu recht, dass das Kochen in den nächsten Tagen schwierig wird und macht uns nochmal was anständiges zu Beissen. Baked Beans und gebratenen Speck. Als Christian und ich aus der Koje kommen herrscht unter Deck ein Rauchinferno. Wir schieben 40 Grad Lage, das Schiff stampft und Jens und Ralf stehen, mehr schlecht als recht, festgekeilt vor dem Herd. Jens eine Pfanne in der Hand, Ralf reicht ihm den Teller mit dem bereits fertigen Speck an damit Jens nachlegen kann. Die Küchenrolle auf der der Speck abtropfen soll brennt. Es liegt ein wahrlich köstlicher Geruch von Speck, Bohnen, Petrolium und Feuer in der Luft. Man kann kaum bis zum Niedergang gucken. Aber unter solchen Bedingungen überhaupt etwas zu kochen ist eine wahre Heldentat. Und das ohne zu kotzen. Respekt. Wir verschlingen gierig unsere letzte Mahlzeit und dann macht Ralf auch noch den Abwasch damit nicht auch noch das Porzellan durchs Schiff fliegt.

Langsam kommt Druck auf die Pinne und sie ist auch mit zwei Händen immer schwerer zu halten. Es wird dunkel und die See ist jetzt weit über drei Meter. Wir Reffen um Mitternacht das Groß aber der Wind nimmt weiter zu. Beim Reffen im dunklen auf dem Vorschiff ist es echt ungemütlich. Im Cockpit bekommt man, trotz Sprayhood, in unregelmäßigen Abständen Kübelweise Wasser in den Nacken geklatscht. Aber übers Vorschiff wäscht grünes Wasser! Hier kann man sich nur angeleint bewegen und braucht im Prinzip beide Hände und beide Füße um sich festzuhalten. Dabei wird man mit Ladungen Wasser beschossen die dem Inhalt von mehren Badewannen entsprechen. Dabei braucht man eigentlich noch drei Hände um das Segel zu bändigen. Wer nach vorne geht ist danach, trotz Ölzeug, buchstäblich nass bis auf die Haut. Das Vorschiff Stampft mehrere Meter auf und ab und in Christians Vorschiffskoje kann man beim besten Willen und aller Erschöpfung nicht mehr schlafen. Dazu kommt, dass die Lukendeckel dem grünen Wasser nicht standhalten und alles im Vorschiff überschwemmt ist. Christian versucht es trotzdem. Nach drei Stunden vergeblicher Mühe wird er vom Skipper gerufen. Das reißt ihn aus seiner apathischen Lethargie und er stürzt durch den Salon zum Niedergang um sich mitten ins Cockpit vor die Füße von Ralf und Jens zu erbrechen. Auch das ist Segeln.

Die Koje vom Skipper wird nur leicht feucht, aber sie liegt auf der Luvseite. Also auch nicht zu benutzen. Jens pennt in meiner Koje und Christian in Ralfs. Als ich nach meiner Wache ziemlich erschöpft in meine vorgewärmte Koje klettern will muss ich leider feststellen, dass das Wasser Literweise aus der Deckenverkleidung läuft. Der Spinnakerbaum hat meinen Lüfter weggeholzt und nun bringt jeder Brecher frisches Salzwasser in meine gemütliche Luxuskabine. Also ist die nächste Leekoje unbewohnbar. Viel haben wir nicht mehr zur Auswahl. Ich krieche in die Hundekoje, die sonst Ralfs Domizil ist und Christian nimmt im Salon auf dem Sofa platz. Ein Paar Std. „Ruhe“. Leider lässt sich der Lüfter in der Hundekoje nicht mehr richtig schließen. Eins der Dinge die wir in der Jarrett-Bay nicht mehr geschafft haben und die sich jetzt rächen. Ich verschließe den Lüfter notdürftig mit alten Handtüchern und jetzt tropft es nur noch. Aber hey, es ja nur das Fußende! Also Scheiß egal, Hauptsache liegen. Auch das ist Segeln.

Um sechs Uhr morgens ist die Pinne nicht mehr zu halten und wir bergen das Großsegel ganz. Nur unter Fock laufen wir immer noch sieben Knoten in Böhen auch mal acht. Das ist für unsere Verhältnisse ziemlich schnell, aber auch ungemütlich bei dem Seegang. Egal, wir haben die Nacht überstanden und bei Licht wirkt das ganze nicht mehr ganz so bedrohlich. An Kaffeekochen oder gar was zu Essen ist bei diesen Bedingungen nicht mal zu denken. Wir haben seit Montag Abend nichts vernünftiges mehr gegessen. Nur ab und zu ein kleiner Schluck Wasser, damit man nicht so oft pinkeln muss und alle acht Stunden einen Müsliriegel. Die ohnehin schon müffeligen Klamotten die komplett durchgeweicht sind bilden zusammen mit der Ausgelaufenen Flüssigkeit aus dem Klobürstenhalter eine wahrlich Atemberaubende Geruchskomposition unter Deck. Aber das interessiert nicht. Wir haben andere Dinge über die wir nachdenken. Ja, auch das ist Segeln.

In der Sicherheit des Tageslichtes mache ich mich auf zum Vordeck um dort wenigstens Notdürftig das Loch vom Lüfter zu stopfen. Das Deck Stampft immer noch ungemein und ich habe keine Chance da irgendeine sinnige Konstruktion zustande zu bringen. Ich schreie meine Wut laut in den Wind, aber das hört wohl keiner. Ich stopfe noch ca. zwanzig Minuten vergeblicher Versuche einfach eine Tüte ins Loch, und begebe mich an die Reling um ein wenig zu würgen. Es kommt aber nichts. Was denn auch? Nach dem ich meinen Blick wieder an den Horizont heften kann geht’s mir wieder gut.

Wetter ist besser, also Reparaturarbeiten.

Als der Wind ein wenig nachlässt, halten wir das Messgerät hoch. Es zeigt immer noch 7-8 Beaufort. Zwischendurch hatten wir mehr. Im Logbuch steht die See hatte stärke 5-6 das heisst nach Definition: grobe bis sehr grobe See. Klingt so nüchtern aber wenn fünf Meter Brecher auf dich zu rollen und du bei Wellenüberlagerungen in 10 Meter tiefe Täler blickst, dann weißt du, dass mehr nicht unbedingt brauchst.

Dienstag Abend um zehn flaut der Wind auf sechs Beaufort ab und wir setzen wieder das gereffte Grosssegel. Wir haben immer noch nichts gegessen und brettern weiter bei Starkwind durch die Dunkelheit aber nach den Stunden zuvor kommt uns das alles nicht mehr wild vor. Man teilt sich die letzten zwei, nur leicht nassen, Schlafplätze und ist trotz Nässe und Gestank einfach nur froh pennen zu können. Auf unserer Nachtwache sagt Christian zu mir: „Du Henning, wenn morgen das Wetter wieder besser ist, dann trinken wir ein schönes Glas Grapefruitsaft, ja?“ Ich bin einverstanden und wir sitzen total glücklich im Cockpit und grinsen beide debil vor uns hin und freuen uns darauf, morgen eventuell ein Glas Saft trinken zu können.

Am Mittwoch morgen haben wir nur noch 5 Windstärken und es gibt wieder was zu Essen. Ein Glas Wasser und ’ne Dose Corned-Beef. Dazu eine Scheibe Dosenbrot für jeden. Die erste richtige Mahlzeit seit 36 Std. Männerfrühstück. Die See ist immer noch um die drei Meter, jetzt aber nur noch „mäßig bewegt“. Christian und Jens bauen die alte Lenzpumpe aus und die Reservepumpe ein. Jetzt können wir die, inzwischen gut gefüllte Bilge lenzen. Wir haben unseren ersten kleinen und gottseidank kurzen Sturm ohne Verletzte überstanden.

Endlich was zu Essen...

Der Wind nimmt weiter ab. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag haben Christian und ich die Doppelschicht. Wir laufen wieder unter Selbststeueranlage, die übrigens zwischendurch auch kaputt ging, aber mit Bordmitteln bei voller Fahrt repariert wurde. Unter Deck ist immer noch alles nass, Salzwasser trocknet nicht. Auf Nachtwache ist es bei Chris und mir so, dass einer von uns steht und Ausguck hält, während der andere daneben sitzt und döst. So fertig sind wir noch von dem kleinen Sturm. Wir tauschen dann stündlich. Als die Sonne aufgeht greife ich mir Ralfs Videokamera und fange ein wenig die Stimmung ein. Wir machen es uns gemütlich und spielen eine Partie Backgammon. Als wir gerade die zweite Partie am laufen haben, flaut der Wind ganz ab. Die Windfahnensteuerung läuft aus dem Ruder und als wir die zweite Pantentwende fahren beschließen wir die Segel wegzupacken und einen kleinen Badeausflug zu wagen. Der Skipper ist natürlich aufgewacht als die Daddeldu aus dem Ruder lief (so was kriegt der immer mit) und kommt kurz zu uns, gibt sein OK für unseren Plan und verschwindet wieder in der Koje.

Als wir das Groß runter holen wacht Ralf auf. Wir berichten ihm vom Plan und ich glaube er freut sich noch mehr als wir. Schnell die Solardusche mit kostbarem Süßwasser gefüllt, die Badeleiter und einen Fender aussenbords gebracht, Handtücher und Taucherbrillen bereit gelegt und los geht’s. Das Wasser ist hier ca. 5000 m tief und die nächste Küste (Bermuda) über 400 Meilen entfernt. Ein bisschen komisches Gefühl jetzt über Bord zu springen. Aber das Wasser ist herrlich. Tiefblau und 23 Grad warm. Man kann unter Wasser über zwanzig Meter weit sehen und hat das Gefühl in Unendlichkeit zu versinken wenn man unter Wasser ist. Immer zwei Leute planschen im Wasser und einer Steht an Deck, als Haiwache. Wir rechnen zwar nicht wirklich mit Haien aber vor den Portugiesischen Galeeren haben wir Respekt. Nach dem Bad Duschen wir uns endlich das Salzwasser von der Haut. Wir hatten uns zwar an den erotisch, männlichen Körpergeruch unserer, seit sechs Tagen ungewaschenen, Crewkameraden gewöhnt, aber es ist trotzdem ein Traum wieder sauber zu sein.

Die Königin der Feuerquallen.

Nach dem Bad steht Jens auf und darf auch ins Wasser, Christian und ich bereiten das Frühstück. Es ist Seemannssonntag und das soll entsprechend begangen werden. Es gibt Bratnudeln von gestern mit den letzten Brotscheiben und dazu ein Weichgekochtes Ei. Zum Nachtisch Obstsalat. Nach dem Essen setzen wir wieder Segel und dümpeln mit ein bis zwei Knoten vor uns hin. Um 1400 haben wir die Faxen dicke und bergen die Fock, starten die Maschine. Jetzt wollen doch mal ein paar Meilen in die richtige Richtung machen…

Der Skipper, frisch gebadet.

So ich glaube das reicht für heute. Ich weiß noch nicht wann und wie ich dies hier hochladen kann und wie es mit den Fotos aussieht aber ich gebe mein Bestes.

Fortsetzung folgt.
Henning

Insgesamt ca. 12 netto Arbeitsstunden von verschiedenen Leuten. Nur mal zur Info.

4 Responses to “Miles and more (Part one) oder: Die große Überfahrt (Teil eins)”

  1. Steffi sagt:

    Tach ihr tapferen Seemänner!!!
    Toller Bericht-Danke!
    So jetzt zu spät zur Arbeit vor lauter Lesen…Schöne Inselzeit!!!

    Viele Grüße aus dem jetzt endlich sommerlichen Hamburg

    Die Steffi

  2. Mone sagt:

    Uiuiui, ich kriege das Gruseln wenn ich das lese! Aber es ist ja alles gut gegangen. Vielen Dank für den tollen Bericht! Die Delphine und das Meeresleuchten hätte ich auch gerne gesehen, aber auf das meiste kann ich glaube ich verzichten. Ich bin eben ein Weichei :o)
    Mathis schlummert zu mGlück, so dass ich ganz in Ruhe lesen konnte…

    Bis bald, eure Mone

  3. David sagt:

    Wow, spannender Bericht aus dem Bermuda Dreieck: geruchsintensive Segeltruppe meets Portugiesische Galere, Warcrime und Delfine. Das ganze bei heftigstem Sturm und Wassereinbruch..Frage mich, was Euch erst auf dem Weg nach Europa begegnen kann und freue mich auf weitere spannende Geschichten!
    Beste Grüße an die hartgesottene Crew,
    David

  4. Rob sagt:

    Das ist also Segeln! :-)) Wow…

    Dann erholt euch erstmal von den Strapazen und repariert eure Lüfter.

    Liebste Grüße und ganz viel spass und gut ausgehende Abenteuer
    Robin

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