Vier.

A. B. d. Daddeldu, Portsmouth, Va, 17. Mai ’10

Tscha,…nu sind wir vier…
Und es ist gut!

Jens und ich haben den Sonntag noch für letzte Arbeiten und das große Klarschiffmachen genutzt, uns nochmal Nudeln gekocht, nen Mittagsschlaf gehalten und dann sehr gespannt auf unsere neuen Crewmitglieder gewartet. Die Ansage war ja sie sind gegen halb elf an Bord. Das habe ich zwar nicht geglaubt aber als wir fertig waren und ich mir gerade mein neues Buch gegriffen hatte, der optimistische Skipper suchte gerade seine Jacke um zum Parkplatz zu gucken, hörten wir vertraute Laute von draußen. Man sprach Deutsch. 22:30. Das waren sie! Aufgeregt und müde aber gut drauf und satt. Das erste Übersteigen vom Steg an Bord gut gemeistert. Alle ein wenig, verlegen ist das falsche Wort, aber so ähnlich. Jedenfalls haben wir uns gefreut, dass die Verstärkung endlich da war und die beiden waren, so glaube ich, recht glücklich nach fast 24 Stunden Reisezeit endlich am Ziel zu sein.

Erst mal ein kleiner Begrüßungsschluck in der Plicht. Ankommen lassen hatten wir uns vorgenommen, aber als sie dann da waren, wollten wir doch erzählen was wir in den letzten Wochen so gefühlt und erlebt hatten. Die beiden Neuen waren ganz schön platt und hatten mehr Augen für die Skyline von Norfolk und das Schiff als ein Ohr für unsere Geschichten. Aber das wussten wir ja schon vorher. Wir hatten uns überlegt, wenn Christian und Ralf da sind, werden sie wohl fertig aber aufgeregt sein und um ihnen den Weg in die Koje zu erleichtern wollten wir ihnen ein paar schön langweilige Geschichten über unsere harte Arbeit erzählen. Der Plan ist aufgegangen. Trotz ernsthafter Bemühung zur Zurückhaltung kamen so Sachen wie „…und diese Hitze, und wieder Leiter rauf, Leiter runter, Leiter rauf, Leiter runter…“ auf den Tisch. Wir haben viel gelacht, vor allem über uns selber und um viertel vor zwei lag auch der letzte in der Koje.

Jens und ich hatten ja noch Bescherung. Es gab Post von unseren Liebsten und ich kann sagen, für mich war es besser als Weihnachten, aber das geht euch nichts an…

Als ich um neun vom Duschen kam hatte Ralf schon einen Ausflug zum Bäcker hinter sich und Jens hatte Kaffe gekocht. Ich habe Christian geweckt, der noch ganz im St. Pauli Fieber schwelgte und den Tag mit dem Gesang „Wir haben Hamburger Wetter, Hamburger Wetter…“ usw. usf. begrüßte. Er hatte recht und bis jetzt (20:41) hat sich nix geändert. Egal! Es gab erst mal Frühstück. Lecker Sandwiches und Kaffee. Dann die obligatorische Tagesplanung. Wir wollten die Segel nochmal prüfen und so hatten unsere „Neuen“ Gelegenheit mal „’n büschen Seeluft“ zu schnuppern. Erste Fock runter, zweite Fock hoch und wieder runter. Dann beide zusammenpacken. Schon mal üben. Nächstes mal ist mit Seegang und Wind. Dann sind Ralf und Jens mit der Karre in die Stadt, Besorgungen zu machen.

(Zwischenkommentar: Die neuen haben auch Nachrichten aus Europa mitgebracht, z. B. die Scheiße die BP im Golf von Mexico verzapft, außer den Anwohnern die direkt betroffen sind interessiert das in Amerika keine Sau. N heftiger Regenguss in Ohio gibt ’ne Sondersendung auf dem Weatherchannel und wenn irgendein Promi Koitus gehabt hat, wird drei Tage auf allen Kanälen mit mindesten fünf Betroffenheitsexperten darüber diskutiert. Das beschert mir gerade sehr ambivalente Gefühle, einerseits bin ich froh soviel nicht mitgekriegt zu haben, andererseits macht mich dieses Ungleichgewicht in der Berichterstattung wirklich zornig.) Nun gut, is‘ halt mein persönliches Problem… Am Salontisch neben mir wird gerade über Grundsätze in Bildungs- und Ausbildungsystemen diskutiert. 🙂

Weiter im Text:
Chris sortierte seine Sachen in die Stauräume und ich genoss den freien Vormittag mit lesen. Dann ein paar Tratschgeschichten aus Hamburg und schon kamen die beiden „Alten“ mit zwei riesen Pizzen wieder. Endlich was zu Essen. Nach dem Mittag hatten Christian und ich das Auto und ’nen langen Zettel mit Kaufaufträgen für unseren „Lieblingsladen“ Westmarine. Es war immer noch kalt, knappe 15 Grad und strömender Dauerregen. Trotz widriger Sicht und, für uns, verwirrender Straßenführung und Beschilderung fand Christian sicher den Weg zum Laden. Eine geradezu winzige West-Marine Niederlassung und das üblich ahnungslose Personal. Wir suchten uns ein paar Teile auf eigene Faust und als wir Hilfe brauchten um 150 Fuß Schwimmleine abgeschnitten zu bekommen, brach ich schon wieder innerlich zusammen. Die junge Frau die diesen Job für uns übernehmen sollte erfüllte auch prompt alle meine Vorurteile. Christian verdrückte sich sofort zu denn Navigationsgeräten und ich hatte schon nach fünfzehn Minuten die Leine. Ich erspare euch die Einzelheiten.

Als ich dann nach Seekarten fragte, war sie so ehrlich zuzugeben, dass sie keine Ahnung hat und der Mann der weiß wovon er redet gerade am Telefon ist. Aber siehe da, der Stellvertretende Geschäftsführer hatte wirklich Plan. Mit ihm haben wir die nächste Stunde am Telefon und am Rechner verbracht und er hat uns das benötigte Material aus Kalifornien bestellt oder uns zu Spezialgeschäften verwiesen. Diese Spezialgeschäfte waren dann auch ihren Namen wert und nach einem kleinen Stopp bei Food-Lion schafften wir es gerade noch rechtzeitig zur Happy-Hour ins Deck-House in der Marina.

Ich habe schon im Auto zu Christian gesagt „Ich krieg ’n Hals wen ich nur dran denke jetzt in dem Scheissladen ein schlechtes Bier trinken zu müssen“. Gute Voraussetzungen für einen schönen Abend…
Als wir den Raum betraten, saßen Ralf und Jens an einem Tisch am Fenster mit Blick über die Bucht. Vor ihnen ein Teller mit Austern und einer mit dicken Krebsen, beide ein Getränk und ein fettes Grinsen am Mann, der Skipper noch ’ne Kippe in der Hand. Das sieht gut aus… Wir setzen uns dazu, mein Misstrauen sinkt und zack! Da steht sie. Kathie die Kellnerin. Ungefragt und aufmerksam. Nicht besonders hübsch, aber rotzfrech und sehr sympathisch. Ja wir wollen ein Bier und diese Sorte schmeckt auch. (Irgendwas irisches). Wir kosten die Speisen unserer Vorhut und bestellen Calamari und Austern für jeweils vier Dollar. Boah ist das super! Happy hour! Kathie kommt ungefragt in den richtigen Momenten und drückt uns freche Sprüche. Die beste Servicekraft die ich seit langer Zeit gesehen habe. Egal wo. Wir fühlen uns pudelwohl und bestellen mehrfach nach. Sowohl Essen als auch Getränke. Die Crew wächst zusammen.

Kathie erkundigt sich nach unseren Segelgeschichten und der ältere, etwas angetrunkene Seemann von der Bar mischte sich ein. Er kam an unseren Tisch und erzählte uns stolz einige geschichtliche Anekdoten über den Sezessionskrieg und die Geschichte von Virginia. Schwer zu verstehen, besonders für die Neuankömmlinge, aber durchaus nicht dumm und auch interessant. Nach jeder kurzen Story dreht er ab und wir sind schon sicher uns auf deutsch weiter unterhalten zu können. Dann kommt er zurück und setzt noch einen drauf. Wir lachen schon drüber aber er erzählt auch keine Scheiße. Alter Navy Seal und Vietnam Veteran. Auch ein paar Storys über Segelerlebnisse und den zweiten Weltkrieg und Krieg allgemein aber alles durchaus in Ordnung und ohne Aufschneiderei und auch unsere Erfahrungen und Pläne behandelt er angemessen.

Als die Happy Hour um 1830 zu ende geht übersteigen die Getränkepreise wieder unsere Verhältnisse und wir verholen an Bord. Hier sitzen wir immer noch und fühlen uns wohl.

2200. Gute Nacht.

Henning

3 Responses to “Vier.”

  1. Mone sagt:

    Na das hört isch doch sehr gut an. Schön das ihr gut angekommen seid!
    Der Beitrag wurde jetzt aber auch mal Zeit! Ihr jammert immer rum das keiner schreibt und dann müssen wir sooo lange auf die gute Nachricht warten. Ach und auf meine letzten drei E-Mails hat auch keiner geantwortet…

    Gute Nacht, Mone

  2. christian sagt:

    Moin,

    als neues und durchaus technisch versiertes Crew Mitglied kann ich euch jetzt nur nochkmal bestaetigen, dass die W-Lan Verbindungen hier echt zum kotzen sind. Seitdem Henning den Artikel am Montag Abend geschrieben hat, versuchen wir uns einzuloggen, um diesen endlich hoch zuladen. Ohne wirklichen Erfolg, die willkuer der Netzwerke sprengt jegliche Vorstellungskraft.

    Seid gegruesst, morgend (Freitag) wollen wir endlich auslaufen. Das Wetter ist seit gestern so, wie wir es von den Fotos her kennen, wird also Zeit…

    Lieben Gruss
    Christian

  3. steffi sagt:

    Tach ihr Vier!
    Da hört sich ja tatsächlich alles prima an und das gibt mir ein gutes Gefühl, dass ihe als Crew, es gut über die große See schaffen werdet!!!
    Und immerhin hört man jetzt noch in guten Abständen etwas von Euch. Das wird sich ja jetzt ändern…
    Also dann Seemänner gute Reise und volle Kraft voraus!!!

    Seid ganz feste gegrüßt die Steffi

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