0412 Ganz unten! oder Je tiefer desto scheißer.

Beaufort, NC, 13. April ’10
(was bin froh, wenn hier endlich mal ’n anderer Hafen steht.)

0412

Montag war ja noch mein Lieblingstag, aber dieser hier hatte es echt in sich:

Wie ja bereits angekündigt, war heute die Steuerbordbilge dran. Aber erst mussten wir zu Omar, dem Segelmacher. Dass er unsere Segel nicht, wie mit Christian verabredet, fertig hatte, ist zwar scheiße aber verständlich. Woher soll er denn wissen, ob wir überhaupt jemals wiederkommen. Leider hat er auch die Verabredung von letzter Woche nicht eingehalten, zumindest mal die Dinger anzugucken und zu sehen ob und wo er sie kürzen kann. Wir beschließen das Groß so zu lassen und halt mit eingebundenem Reff zurück zu segeln. Die Genua soll kaputt bleiben. Die alte Fock bekommt ein neues Vorliek für die Rollanlage und wird statt der Genua gesegelt. Außerdem haben wir ja noch den neuen Blister. Aber ’n neues Segelkleid für’s Groß soll er uns noch machen. Hoffentlich schafft er das bis Ende April. Anschließend noch schnell die nötigsten Einkäufe getätigt und zuhause ein kleiner Mittagsimbiss. Truthahnsandwiches. Vorher haben wir noch den Stauraum unter den Bänken leergeräumt und ne Inventarliste der Vorräte angelegt, die Dosen beschriftet etc.

Ein wenig Essen ist noch da...

Scheiße, schon wieder ’n halber Tag im Arsch. Wir müssen echt mal aufhören immer zu zweit durch die Gegend zu heizen. Sonst wird es nix mit Philly am 15.5. (Doch! Der Skipper)
Nach dem Lunch hieß es dann aber wirklich: Steuerbordbilge. Wie gesagt, die ist schwer zugänglich. Unter den Sitzpolstern (Ebene 0) liegt ne Platte auf der normalerweise Kisten mit Konserven gestaut werden (Ebene -1). Darunter das Gleiche nochmal (Ebene -2) Da drunter öffnet sich ölverschmiert die Bilge. Ebene -3. Durch die Querschotten, die sich leider nicht entfernen lassen, sind die Ebenen -2 und 3 in kleine Rechtecke unterteilt. Da muss man schlank sein und lange Arme haben um daran zu kommen. Ist klar, wer das also machen muss. Ich also runter und mich in der Ebene -1 hingelegt. Wenn ich ganz auf die scharfe Kante gerutscht bin und Schulter und Arm in die Ebene 2 gesteckt hatte, konnte ich gerade so eben die Bilge erreichen. Dabei schneidet die Kante in die Brust und das Blut läuft in den Kopf. Das ist bei über 30 Grad unter Deck fast angenehm berauschend. Vaddern hat mir dabei die Schüssel gehalten bis ich den Ölschlamm aus den einzelnen Kammern geschöpft hatte.

Eng, aber OK.

Die letzte Kammer mitschiffs ist leider tiefer als die anderen und daher nur zu erreichen wenn man mit dem Oberkörper auf Ebene 2 abgetaucht ist. Schön mit der Stirn abstützen und die Arme runter auf Ebene 3. Aber das Sonnencreme-Schweiß-Gemisch das einem dabei in die Augen läuft, hält einen wach. Jens nimmt dreckige Küchenrolle ab und reicht saubere nach. Als das Öl einigermaßen beseitigt ist, geht’s weiter mit der gleichen Prozedur, nun mit Grease-Destroyer. Keine Ahnung was genau da drin ist, aber Aceton ist auf jeden Fall dabei.

Immer tiefer...

Noch bin ich relativ gut drauf und mit viel Gestöhne und Gejammer (das hilft mir wirklich) mache ich sogar noch schlechte Witze bei der Arbeit. Kopfüber in nem winzigen Loch mit Lösungsmitteln arbeiten (ja, ja, nur in gut belüfteten Räumen mit Atemschutz anwenden. Pustekuchen, gut gelüftete Räume kann man jede Woche sauber machen und braucht so’n Zeug nicht und mit Atemschutz kriegst du deinen Kopf da nicht rein.) schockt aber auf Dauer doch nicht. Also kurz mal an die frische Luft und eine rauchen. Ne kalte Cola, (Bier traue ich mich nicht) und wieder ab in den Keller. Diesmal mit dem Kopf nach achtern, was angenehm ist, weil diesmal die andere Brustseite abgeschnürt wird. Leider gibt es zwei Fächer für die meine Arme einfach zu kurz sind. Aber ganz achtern ist die Ebene -1 zu ende und ich zwänge mich auf Ebene -2. Was jetzt kommt ist schwer zu beschreiben, aber ich versuch’s mal. Also, Füße voran in die Ebene -3 (ein sauberes Fach natürlich), dann den Rücken so doll es geht gebogen und auf Ebene 2 den Oberkörper mit einem Arm voran ins Nachbarabteil gequetscht. Ich noch stolz wie Oskar: „Das kannst Du nicht!“ zum Skipper. Der „Das stimmt. Das kann ich wirklich nicht. Ich bin Dir auch sehr dankbar.“ Dann den zweiten Arm mit viel Gewürge hinterher. Die Beine lassen sich keinen mm mehr bewegen und der Kopf auch nicht. Oberkörper steckt eh fest. Irgendwie kriege ich den zweiten Arm hinterher und denke noch: „Mhm, bisher gar keine Platzangst gekriegt.“ Dann stecke ich ich fest. Ich kann kein einziges Körperteil mehr in irgendeine Richtung bewegen. Ich merke wie mein Puls hoch schießt und die Atmung sich beschleunigt. Oh Scheiße! Jetzt keine Panik. Und dann kommt sie…
Das Gefühl hatte ich erst einmal in meinem Leben, beim Nackttauchen im Oktober in der Bille. Da wollte ich ’nen Schlüssel auf 4m Wassertiefe im Schlick suchen und man konnte NICHTS sehen. Aber da konnte ich mich abstoßen und auftauchen. Drei Mal hab ich’s probiert. Leider ohne Erfolg. Damals hat Vaddern dann den Schlüssel geholt und sein Bauchspeck war hilfreich gegen die Kälte. Heute war’s umgekehrt. Man liest immer in Büchern von Panik und so. Ja, ja, denk ich dann, keine Panik aber wenn einen die Panik packt dann ist das so. Ganz, ganz beschissenes Gefühl. Ich hab jedenfalls all meine Selbstbeherrschung zusammen genommen um nicht los zu strampeln, was eh nicht geklappt hätte da ich keinen Platz hatte. Dann hab ich laut mit mir selber gesprochen: „Scheiße ich krieg Panik. Ganz ruhig! Nicht bewegen! Erstmal ruhig atmen. Ruhig atmen! Atmen.“ Vaddern hat mir die Hand auf den Rücken gelegt: „Ganz ruhig. Ich bin bei Dir.“ „Toll“ hab ich gedacht „bis du mich hier raus gesägt hast bin an ’nem Herzkasper gestorben.“ Ich hab mich dann zusammen gerissen und mit ganz viel Selbstbeherrschung und Überlegung bin ich dann wieder raus gekommen. Erstmal kurz Luft schnappen bis das Hyperventilieren aufhört und nach 2 Minuten wieder rein, sonst setzt sich so ein Platzangstgefühl fest und ich kann nie wieder in enge Räume. Diesmal aber nur auf Ebene -1 und von da aus gemacht was zu erreichen war. Dann noch ’ne richtige Pause und anschließend mit ’nem langen Schraubenzieher als Armverlängerung die Ecken ausgewischt. Nächstes Jahr, wenn das Schiff wieder in Hamburg ist, werde ich Marlo da runter schicken. Der hat die richtige Größe.
Hinterher noch auf der Backbordseite zwei gut zu erreichende Fächer mit meinem Kumpel Atze klar gemacht. (Kennt ihr Atze? Atze-Ton?) Dann wurden die Kopfschmerzen stärker und wir haben gegen halb 5 Feierabend gemacht.

Johann das Gespenst.


Saubere Arbeit!

Ab unter die Dusche und in den Back-Street-Pub. Dort wollten wir Manny, einen Kumpel von Rusty treffen. Manny kriegt nämlich 20 % bei nem Marine-Supply-Versand und wir hätten gerne ein Ladegerät von ihm. Leider war Manny schon weg, denn die Ammis gehen immer zwischen 4 und 6 ihr Feierabendbier trinken und gehen dann nach Haus. Wir haben ihm ’ne Nachricht hinterlassen und wollen ihn morgen treffen. Auf dem Rückweg noch ein Gyros zum mitnehmen. Wir waren alle beide total KO und ich bin fast im Sitzen eingeschlafen. Na. ja, so’n Drogenrausch ist eben anstrengend. Vaddern hat noch seinen Brief zu ende geschrieben und ich hab versucht zu lesen. Leider sind mir dauernd die Augen zu gefallen und so hab ich um viertel vor neun in die Koje verholt…

Euer Henning Wallraff

4 Responses to “0412 Ganz unten! oder Je tiefer desto scheißer.”

  1. Mone sagt:

    Hallo ihr beiden,

    irgendwie ist das doch nicht in Ordnung was ihr uns daheim gebliebenen Frauen antut! Wir denken die ganze Zeit „jetzt sind sie noch an Land und wir brauchen uns noch keine Sorgen zu machen“ und dann macht ihr solche Sachen! Tut das denn Not??? Ich bitte um ein bisschen mehr Vorsicht und Rücksicht auf uns!

    Bis bald, Mone

  2. christian sagt:

    Moinsen,

    ich will mal anmerken, dass nicht nur Damen in Hamburg zurückgelassen sind, sonder zur Zeit auch noch der Moses und Kuddel der Sohn vom Rammer.
    Wir würden beide natürlich Henning liebend gerne Unterstützen, wären aufgrund unserer Masse aber auch nicht die richtigen Kandidaten (dann doch lieber Tauchspeck).
    Was ist der Segelmacher denn für ne Pfeife, das ist ja mehr als Kacke. Wozu nimmt er erst die Maße an Bord, wenn er dann doch nichts tun will? Oh Mann, ey.
    In jedem Falle Drücke ich weiterhin die Daumen, dass die Herausforderungen nicht allzu groß werden und bin im Herzen bei euch.
    Lieben Gruß

  3. Ralf v Hafe sagt:

    … ja, ich auch. Im Herzen bei euch, meine ich.

    Hab keine Worte fuer deine Taten Henning! Wenn ich anfangs noch ueber deine Kommentare lachen konnte, bei deinem Kammer-Harakiri war dann Schluss. Mach da nicht so’n Scheiss und lass mich hier mit schlechtem Gewissen im Buero sitzen. Ich ueberleg schon, ob ich wirklich noch fliegen kann/darf/soll. Lasse mir also noch was passendes einfallen, rechtzeitig zum Eintreffen in Phili.

    Wuensche euch beiden weiterhin viel Erfolg und auch etwas Spass in der knapp verbleibenden Freizeit.

    Tschuess erstmal,
    Kuddl

  4. Steffi sagt:

    …meine Panikattacken sind hier vor dem Rechner langsam auch nicht mehr ohne!!!
    Passt echt auf Euch!!!

    Und Henning, nicht das wir jetzt wieder alles neu erabeiten müssen…

    Seid gegrüßt!!

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